Goldkinder

Danke an einen aktuellen Beitrag einer unserer Leserinnen. Ihrem Schlüsselbegriff GOLDKIND sollte dieser Beitrag gewidmet sein. Was ist ein Goldkind? Wer ist ein Goldkind? Goldkinder sind die von einer Traumamutter – Kriegskind ca. 1920-1940 geboren – zeitlebends geförderten Töchter oder Söhne – geboren ca. 1950-1975. Diese Kriegsenkel werden zu Narzissten, da ihnen zu viel Aufmerksamkeit aber keine echte Liebe zuteil wird. Warum werden manche Kinder zu Goldkindern und manche nicht? Hier scheint es um Coabhängigkeiten und mehrgenerationale Auswahlentscheidungen zu gehen. Sehr schade für die Pechmaries, die nicht als Goldkind ausgewählt wurden.Im vererbten Trauma handelt es sich um jahrzehntelang belastende Situationen für alle Kriegsenkel, die zu Goldkindern gekürt wurden.

Ein Verbrechen im März 1945

Ein neuer Roman zum vererbten Trauma wurde 2016 im Verlag Kiepenheuer&Witsch veröffentlicht. SACHA BATTHYANY hat ein glänzend geschriebenes Buch UND WAS HAT DAS MIT MIR ZU TUN? geschrieben. ” Es war ein Massaker an 180 Juden, das mich meiner Familie näherbrachte!” Seine Großmutter Gräfin Thyssen-Batthyany war in eines der schrecklichsten Naziverbrechen am Ende des 2. Weltkrieges verwickelt. Der Autor fragt sich 70 Jahre später, warum dieses Verbrechen im März 1945 ihn tangiert. Er legt dieses Familiengeheimnis offen und trägt zur Transparenz im vererbten Trauma bei. Ein sehr lesenswertes authentisches Buch!

Geschwister Krieg

Besonders in Familien, die mit vererbtem Trauma belastet sind, haben es Lieblingskinder schwer. Meist ist eines der Elternteile im 2. Weltkrieg als Kriegskind traumatisiert worden. Nicht selten durch eine narzistische Störung. Diese kann sich auch auf die Kinder iter vererben. Ist eines der Kriegsenkel wie Mutter oder Vater Narzisst, kann es gegenüber den Geschwistern zu kriegerischen Auseinandersetzungen, Verteilungskonflikte um Geld und Status gehen. Bevorzugen diese Eltern ihr Lieblingskind, kann es zu Verhaltensauffälligkeiten und emotionalen Störungen führen. Demnach sind nicht nur Geschwister, die sich weniger geliebt fühlen, von den Problemen des Narzissmus betroffen. Auch die bevorzugten Kinder oder Kriegsenkel wuchsen in emotionaler Unsicherheit auf und befürchteten den Verlust der Elternliebe. Leider haben sie nicht beachtet, dass Narzissten nicht lieben können. Letztlich führen deratige Konflikte zu mehrgenerationalen Ungleichbehandlungen und Geschwisterkrieg.

Ein Mensch wie tausend Teufel

“Wenn mein Vater die SS Stiefel angezogen hat, wurde er zu einem anderen Menschen!”. Der Autor WALTER CHMIELEWSKI hat ein 477 seitiges Buch über seinen Vater geschrieben (DER SOHN DES TEUFELS), der im dritten Reich als SS Offizier diente. Dieser war Kommandant des KZ Gusen, in dem 35.000 Menschen ermordet wurden. Er morderte aus purer Lust und war so brutal, dass es sogar der SS zu viel wurde. Erst nach 70 Jahren fand sein Sohn die Kraft, seine grausamen Jugenderinnerungen zwischen Sonntagsbraten und Todeslager zu veröffentlichen. Eine Aussöhnung mit seinem Vater erfolgte zeitlebens nicht. Er konnte – inzwischen 87 Jahre alt – seinem Erzeugner nie verzeihen. Die Mutter verabscheute die Nazi Ideologie und versuchte, ihren Sohn vor dem Vater zu schützen. Mit dem Aufstieg des Vaters in der SS Hierarchie zog der Wohlstand in das Haus ein.

Nur wenige ehemalige SS Männer zeigen bis heute Reue. In verschiedenen aktuellen Prozessen geben diese in hohem Alter zu, von  den Massenmorden in ihren KZs Kenntnis gehabt zu haben. Diese hatten ein Leben lang geschwiegen. Sie bereuen, einer verbrecherischen Organisation angehört zu haben. Sie thematisieren auch, für den Tod unschuldiger Menschen sowie die Zerstörung unzähliger Familien, für Elend, Qualen und Leid auf Seiten der Opfer verantwortlich zu sein. Aber vererbtes mehrgenerationales Trauma wird dadurch nicht besser.

Der deutsche Krieg und Nachkriegsdeutschland

Der Autor Nicholas Stargardt hat mit seinem 2015 erschienenen Werk DER DEUTSCHE KRIEG 1939-1945 familiären Patriotismus unter Hitlers Diktatur dargelegt. Es wird anschaulich geschildert, auf welcher Basis die Deutschen danach ihre Zukunft aufbauten. Am Ende des 2. Weltkrieges lag das Land in Trümmern. Die Dinge des alltäglichen Lebens waren überall knapp. Das deutsche Volk hungerte. Zugleich mussten 12 Millionen Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten untergebracht und versorgt werden. Anfang der 50er Jahre wurden alle Kräfte gebündelt, um die Schlüsselindustrien des landes wieder aufzubauen. Die Wirtschaft boomt. Ihre Gewinne investieren die Unternehmen in neue Technologien und Arbeitsplätze. Erstmals können sich die Deutschen wieder etwas leisten und sich langersehnte Wünsche erfüllen. Am Ende des Jahrzehnts herrscht Vollbeschäftigung und Wohlstand für alle.

Vor 70 Jahren endete der 2. Weltkrieg, der seine grausamen Spuren tief in die Psyche der Menschen eingegraben hat. Daran änderten die Jahrzehnte des Wohlstandes bis heute nichts. Bis in die heutige Generation  der 1990-2000 Geborenen ist das vererbte Trauma nachzuweisen.

Imre Kertesz

Einer der letzten Zeitzeugen und Auschwitzüberlebender ist verstorben: Der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz starb im Alter von 86 Jahren nach langer Krankheit in Budapest. Sein Werk ROMAN EINES SCHICKSALSLOSEN wurde 2005 verfilmt. Er fragte sich zeitlebens, wann die deutsche Gesellschaft nach dem 2. Weltkrief reif für eine offene Auseinandersetzung mit dem Holocaust sein könnte. Die Traumatisierung der Erzählfigur bzw. des Autors wird im Text transparent gemacht. Als Teenager entkommt er den Gaskammern und erlebt sein tägliches Dasein im KZ Ausschwitz als Normalzustand. Er bezeichnet es als DIE LETZTE WAHRHEIT ÜBER DIE DEGRADIERUNG DES MENSCHEN IM MODERNEN DASEIN:

Steine gabs und wenig Brot

Das alte deutsche Sprichwort STEINE GABS UND WENIG BROT aus dem Jahr 1814 von LUDWIG UHLAND wird auch als schwäbische Kunde des deutschen Kaisers Barbarossa bezeichnet. Es erlangte im 2. Weltkrieg und bei der Vertreibung vor 70 Jahren neue Geltung in deutschen Familien. Die Not der Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten oder dem Sudetenland wurde deutlich ausgedrückt. Oder die Hungerjahre der deutschen Wehrmacht in den Jahren 1944-1945 sowie in Gefangenschaft und in den Arbeitslagern. Viele kriegstraumatisierte Deutsche beschrieben ihren Nachkommen im Nachkriegsdeutschland mit dem Spruch STEINE GABS UND WENIG BROT, wie sehr sie im 2. Weltkrieg hungern mussten. Ihren nicht im Krieg geborenen Kindern gegenüber ein geeignetes probates und wirksames Erziehungsmittel.

Die Autorin CLAUDIA SEIFERT beschreibt in ihrem Buch WENN DU LÄCHELST BIST DU SCHÖNER die Kindheit der 50er und 60er Jahre. Eine Zeit, in der ein Kanten Brot einen heutigen Schokoriegel an Wertschätzung und Genuss weit übertraf. Im Nachkriegsdeutschland traten nicht sofort die fetten Wirtschaftswunderjahre ein. Das Essen war knapp und die Kinder bekamen nicht viele Süssigkeiten. Salmiakpastillen oder Katzenzungen waren Luxus in reicheren Familien. Kartoffeln, Buttermilchsuppe, Arme Ritter und Brot die Standardverpflegung. Diese Hungerjahre der 1945-1970 Geborenen prägen noch heute deren Leben und Gesundheit. Es gibt 2014 Deutsche, die aufgrund der Härte ihrer von den Eltern jahrzehntelang kommunizierten Familienmoral STEINE GABS UND WENIG BROT nachhaltig an Magersucht, Adipositas, Diabetes oder Dauerschmerz mit Verlust aller Zähne erkrankt sind. Ein verebtes Trauma, das den mehrgenerationalen Hunger bei den Nachfolgegenerationen der heutigen 1990-2010 Geborenen tief in das Erbgut aufgenommen und gespeichert hat.

Stigmatisierte deutsche Psychotherapie

In Amerika hat praktischer jeder einen persönlichen Psychotherapeuten. In Deutschland ist das nicht so einfach. Diejenigen der 3. Generation (1950-1970 Geborene), die einen konsultieren, schweigen aus Angst vor Ablehnung in der Gesellschaft. Den Freunden authentisch von der erfolgreichen Therapiestunde beim Psychologen oder den Kollegen im Unternehmen von der Burnout Erkrankung erzählen, das ist für Deutsche kein Kinderspiel.

ASTA SCHEIB beschreibt den Ursprung der Stigmatisierung psychisch Kranker im 3. Reich. Ihr Buch SEI FROH, DASS DU LEBST schildert eine Begebenheit in Köln in den 40er Jahren. Auf der Suche nach unwertem Leben wurden viele psychisch auffällige Familienmitglieder abgeholt und in Nervenkliniken entweder getötet, gequält oder mit medizinischen Versuchen gefoltert. Seit damals werden psychische Erkrankungen in deutschen Familien als Familiengeheimnisse stigmatisiert.

Es wird Zeit, dass in deutschen Landen die Zeit der ENTSTIGMATISIERUNG beginnt. Bereits 2014 hatten die Verrentungen aufgrund psychischer Beschwerden einen Höhepunkt erreicht. Das bedeutet, dass immer mehr Deutsche sich zu ihrer psychischen Diagnose bekennen. Wenn psychische Erkrankungen zu einem Mainstream werden, können die schwierigen Jahre des 3. Reiches endgültig der Vergangenheit zugerechnet werden!

Vererbte Lebensängste

WER FOLGT DEN SCHWACHEN SPUREN, DIE UNEINGESTANDENE LEBENSÄNGSTE HINTERLASSEN? Wer wird seit Jahrzehnten von Lebensängsten geplagt, die aus dem 2. Weltkrieg von Grosseltern und Eltern vererbt wurden? RICHTEN WIR UNSER LEBEN NACH UNSEREN BEDÜRFNISSEN UND WÜNSCHEN AUS ODER NACH UNSEREN LEBENSÄNGSTEN? Ist die von Sabine Bode thematisierte German Angst in uns in vielen Facetten zu finden? Sind unsere Familienangehörige ausgebombt, verschüttet, gefallen, vermisst, geflüchtet, vertrieben, vergewaltigt, gefangen genommen oder suizid getrieben gewesen? Vererbte Ängste hemmen unsere Lebensfreude 2014 und lassen auch unsere Kinder der 4. Generation ängstlich sein.

ZÄH WIE LEDER – HART WIE KRUPPSTAHL

Die Generation der 1920-1950 Geborenen hatte traumatische Kriegs- und Nachkriegserfahrungen durch Flucht, Hunger, Bombenterror oder Verlust von Familienmitgliedern. Viele sassen jahrelang mit täglichen Todesängsten im Luftschutzbunker, andere sind auf der Flucht vergewaltigt worden oder haben insbesondere im sowjetischen Militärsektor bis 1950 täglich mit Wahnvorstellungen von Brot hungern müssen. Den Kindern wurde von den wenig einfühlsamen Eltern kommuniziert: ANDERE HABEN ES IM KRIEG VIEL SCHLIMMER GEHABT! SEI FROH, DASS DU NOCH LEBST! VERGISS DAS ALLES! NIMM DICH NICHT SO WICHTIG! ZÄH WIE LEDER- HART WIE KRUPPSTAHL!

Im Alter leiden die damaligen Kriegskinder an chronischen Krankheiten wie Depression, Psychose, Schizophrenie, Alkoholsucht. Aber seltsamerweise können oder wollen sie sich nicht mehr an ihre Kindheitstraumatisierungen erinnern. Das schlechte Gedächtnis hängt damit zusammen, dass diese Menschen als Kind von ihrer Mutter aufgefordert wurden, das Erlebte zu vergessen. Der nachhaltige psychologische Einfluss der Mutter oder des Vaters ist dabei nicht zu unterschätzen.

Die Wahrnehmung von Traumata und das Erleiden einer posttraumatischen Belastungsstörung können nur von Ärzten, Psychologen und Psychosomatikern in ein klinisches Bild übersetzt werden, wenn die Betroffenen ihr Erlebtes verarbeiten wollen. Ist dies aber seit Kindheit im Unterbewusstsein eingemauert, ist eine Gesundung unmöglich und eine Demenz vorprogrammiert. Derart Betroffene verleugnen meist bis zum Tode ihren Traumazustand und entfremden sich im Prozess des vererbten Traumas ohne Therapie dadurch von ihrer Familie.